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KirchentagsSonntag 28.01.2018

Am Sonntag Septuagesimae haben wir gemeinsam mit der Gemeinde der St.-Nikolaikirche in Potsdam einen wunderbaren Abendmahlsgottesdienst zum KirchentagsSonntag gefeiert. Viele Erinnerungen an den Kirchentag im vergangenen Mai hat dieser Gottesdienst dabei geweckt und gleichzeitig neugierig gemacht auf den Kirchentag 2019 in Dortmund. "Was für ein Vertrauen" (2. Kön 18,19) - so heißt die Losung für diesen nächsten Kirchentag.

 

Vorbereitet und gestaltet wurde der Gottesdienst im Landesausschuss mit tatkräftiger Unterstützung von Clemens Bethge, der bis zum Kirchentag 2017 landeskirchlicher Beauftragter der Landeskirche für den Kirchentag war. Propst Christian Stäblein hat eine sehr inspirierende Predigt über den Kirchentagspsalm Psalm 23 gehalten. Die Kantorei St. Nikolai unter der Leitung von KMD Björn O. Wiede hat aus der Messe solennelle von Louis Vierne gesungen. 

 

Britta Stark, die Präsidentin des Brandenburger Landtages, hat den Gottesdienst mit uns gefeiert und im Anschluss ein Grußwort gehalten. Dabei hat sie nicht nur die positiven Wirkungen des Kirchentages 2017 in Berlin und Potsdam hervorgehoben, sondern auch die Wichtigkeit des Themas Vertrauen betont, das den Kirchentag 2019 in Dortmund bestimmen wird. 

 

Wir danken allen, die den Kirchentag mit uns gemeinsam vorbereitet und gestaltet haben! Vor allem danken wir der Gemeinde St. Nikolai für ihre Gastfreundschaft!

 

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Ein paar Eindrücke in Bildern und die Predigt von Propst Stäblein zum Nachlesen:

 

2018 KiTaSo Liedblatt

 

Liedblatt und Werbung für den Kirchentag 2019 in Dortmund - orange und grün war der Gottesdienst.

 

2018 KiTaSo Vorbereitungsteam

 

Das Vorbereitungsteam des Landesausschusses: Ann-Kathrin Hasselmann, Johanna Hestermann, Kevin Jessa, Heike Baum, Clemens Bethge und Propst Christian Stäblein (v.l.n.r.).

 

2018 KiTaSo Chor

 

Die Kantorei St. Nikolai mit KMD Björn O. Wiede am Flügel.

 

2018 KiTaSo Propst Kanzel

 

Propst Christian Stäblein predigt. Der Text ist unten auf dieser Seite nachzulesen. 

 

2018 KiTaSo Landdtagspräsidentin

 

Britta Stark, die Präsidentin des Brandenburger Landtages, hält ein Grußwort. 

 

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Diese Predigt - sowie weitere Predigten und Andachten des Propstes - ist auch auf der Seite der Landeskirche EKBO zu finden. 

 

Predigt zu Psalm 23 im Gottesdienst zum KirchentagsSonntag in der St. Nikolaikirche,

Potsdam 28. Januar 2018

 

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Du bist bei mir. Dein Stecken und Stab. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

 

Wie oft, liebe Gemeinde, wird das gesagt, an einem Tag, in einem Monat, in dieser Stadt, vor sich hin gebetet, gemurmelt, einfach gesprochen, vielleicht ohne groß zu denken. Einfach so, weil es in dem Moment guttut. Beim Hineingeschoben werden in die MRT-Röhre. Was wird die Untersuchung bringen. Ist der Knoten kleiner geworden? Oder beim Warten auf die Antwort nach dem Bewerbungsgespräch. Wie sieht das Feedback aus? Bin ich in der nächsten Runde? Oder beim ersten Frühlingsspaziergang nach überstandenem Winter. Dauert noch ein bisschen dieses Jahr. Oder beim ersten in den Sessel Fallen in einer neuen Wohnung. Nach der Trennung. Alles noch verhangen, die Fenster, die Möbel. Was kommt? Offene Weide? Grüne Aue? Dunkles Tal? Haus des Herrn? Bleibe? Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Die Worte kann man so vor sich hin murmeln, ohne dass in jedem Moment geklärt ist, ob ich sie auch glauben kann, wirklich glauben. Umso besser, wenn ich sie auswendig lernen konnte oder musste, ob nun als Konfirmand oder Schüler oder erst später. Ich gehöre zu einer Generation, die sehr wenig auswendig lernen musste. Der Psalm war trotzdem immer im Kopf. Dank der Konfirmanden, mit denen ich als junger Pfarrer das zusammen eingeübt, eingemurmelt habe. Der Herr ist mein Hirte. Vielleicht die vertrautesten, sicher mit die bekanntesten Worte der Bibel überhaupt. Psalm 23. tut die Lippen auf, auf den Lippen gut, selbst wenn das Herz hinterher oder weit voraus ist oder nicht weiß, wo es gerade ist. Der Herr ist mein Hirte, gesprochen, bekannt, gestammelt, gejubelt, beschworen, wieder und wieder, alles in allem ist das: Vertrauen performed, neudeutsch formuliert, Vertrauen performed, also in die Wirklichkeit eingesprochen, eingemurmelt.

 

Und darüber nun also predigen? Liebe Gemeinde, ich will das einmal markieren an dieser Stelle. Die gängigen Predigtordnungsreihen sehen das nicht vor, die alte nicht und die neue Ordnung für die Predigttexte, die ab Ende des Jahres gilt, auch nicht. In der Kirche wird über Psalm 23 in der Regel so einfach nicht gepredigt. Warum? Die erste Antwort darauf scheint mir ganz schlicht. Der

Psalm ist zu groß im Glaubensleben, in dem, wie Menschen mit Gott sprechen und auf ihn vertrauen. Zu groß, zu tief, zu poetisch womöglich auch. Wie ein wunderbares Gedicht. Was kann die Predigt da tun außer die schönen Worte mit weniger schönen Worten erklären und so womöglich kaputtreden? Naja, die Sorge brauchen wir nicht zu haben. Der Psalm 23 hält das am Ende aus. So wie er auch den Kitsch aushält, mit dem das alte Hirtenbild des Psalms oft verkleistert worden ist. Schäfchen und wilder Mensch auf Öl über Plüschsofa aus dem 19. Jahrhundert. Nein, die Sorge brauchen wir nicht zu haben, den 23. Psalm kriegt nichts kaputt. Aber doch einmal markiert: in der Regel traue ich mich nicht, über so einen Text zu predigen, lässt die Kirche das lieber. Heute ist es anders. Das liegt am Kirchentag. Der Kirchentag traut sich das und traut uns das zu. Was für ein Vertrauen – so heißt die Losung in zwei Jahren in Dortmund, wir haben es gehört. Was für ein Vertrauen – auch beim Kirchentag selbst, Vertrauen in die großen Dinge, die großen Worte. Dafür steht Kirchentag. Wo ich schon mal kleinmütig bin, eingemurmelt und eingemummelt in alltägliches Grau, da ist der Kirchentag mutig, sieht im Winter schon wieder grüne Wiesen voller Bläser und Lieder und Debatten, wie noch vor Kurzem hier in Potsdam und Berlin, so schon bald in Dortmund. Und der Kirchentag macht Mut und Lust auf die großen Worte und Texte. Vertrauen. Psalm 23. Also dann: ran an die Aue, an die Frische, ran das Vertrauen, das aus diesen Worten spricht. Da ran mit dem Kirchentag, der ja selbst von Weide zu Weide zieht. Von Stuttgart 2015 nach Berlin und Potsdam 2017. Von Berlin und Potsdam nach Dortmund 2019. Von Dortmund nach Frankfurt 2021.

 

Von Weide zu Weide. Ein uraltes Bild liegt hinter dem Psalm. Weidewechsel. Vielleicht, als ich gefragt habe, warum über den 23. Psalm so selten gepredigt wird, vielleicht wäre das auch eine gute erste Antwort darauf gewesen: weil das Bild so alt, ja altertümlich ist. Weidewechsel. Hirtenwelt. Nomadenzeit. Im Sommer an der einen Stelle, wo das wächst, was Mensch und Tier zum Leben brauchen. Im Winter weit davon entfernt an einer anderen Stelle. Weidewechsel. Mit Weg durch Wüste, Steppe und Tal, um von der einen zur anderen Weide zu kommen. Der Herr ist Hirte. Ein Bild aus Urzeit, vor dem Sesshaftwerden. Darin das Vertrauen, das schier unglaubliche Vertrauen, dass Gott an dem einen und dem anderen Ort ist. Und auf dem Weg dazwischen auch führt. Das sagt der Psalm. Gott ist nicht eine Art Ortsvorsteher, sondern er geht mit. Er ist auch nicht so eine Art Heimatminister, sondern wir vertrauen, dass er dabei ist in Orts- und Zeitenwechsel. Weidewechsel. Ein uraltes Bild. Und permanent Alltag heute. Eine Großmutter wechselt vom eigenen Haus ins Stift mit betreutem Wohnen. Wie wird es werden? Gibt es noch die Weide mit Gespräch und Kontakt, oder bin ich zu alt, um neue Beziehungen zu knüpfen? Weidewechsel. Nach der Operation an der linken Hand infolge des Unfalls mit der Motorheckenschere muss er umschulen: mit der Geige ist es vorbei, nun will er Buchhändler werden, auch nicht leicht im Online-Zeitalter. Ein steiniger Weg zwischen Weide und Weide. Er vertraut, er vertraut einfach. Sesshaft werden? Der Herr ist Hirte, das ist ein Bild aus der Zeit davor. Ein Bild für die Zeit ständiger Veränderung auch heute. Die Gesellschaft ist nicht mehr sesshaft, sie ist online, sie geht online, sie ist auf dem Weg in die digitale Zeit. Wir gucken mit unserem Glauben: wo sind da Weiden, Vernetzungswiesen, Auen der Ruhe. Wie kommen wir durch das Tal von Daten-klau und Marktmonopolen, wie kommen wir als Gesellschaft, als Kirche in die Zeit, in der wir alle irgendwie auch online wohnen. Ich vertraue: so wie der Hirte Gott sich vor 500 Jahren in der neuen Technik von massenhaft gedruckten Buchstaben wieder entdecken, ja eindrücklich ein-drucken ließ, so wird er sich auch in digitalen Netzwerken entdecken lassen. Weidewechsel. Ein uraltes Bild für uns Neuzeitnomaden. Und ein schier unglaubliches Vertrauen. Der Kirchentag in Dortmund, da bin ich mir sicher, wird diese aktuellen Weidewechsel vielfältig abschreiten. Und dabei als Grund aller Diskussion nicht Zukunftsangst oder Kulturpessimismus verbreiten, als Grund ist da dieses: Vertrauen. Gott führt zur Aue im Wechsel der Zeit.

 

Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal. Kaum ein persönlicheres Gespräch mit Gott als dieser Psalm. Intim fast, intimer als das Vaterunser, das schon im zweiten Wort das Kollektiv, die Gemeinschaft im Mund führt. Vater unser. Der Herr ist mein Hirte. Mancher wird sagen: über so persönlichen Glauben ist schwer öffentlich zu reden. Vielleicht auch ein Grund, warum der Psalm so selten Gegenstand öffentlicher Rede in der Kirche war. Lieber zitiert als besprochen. Aber – ich habe das eben mit dem digitalen Weidewechsel schon angedeutet – der 23. Psalm war nie ein individualistisches Sprechen mit Gott. Er ist ja nicht aufgeschrieben von den jüdischen Nomaden, an deren Urbilder er anknüpft, sondern später, als das jüdische Volk längst sesshaft und religiös organisiert war mit Tempel und Gottesdienst. Ja, vermutlich ist der Psalm sogar erst aufgeschrieben worden, als der erste Tempel schon wieder zerstört, der zweite Tempel in Bau, das Leben für die Gemeinschaft Israels vielfach diffus und unsicher war. Da wird der Psalm, dieser Psalm zum gemeinsamen Gebet, da wird die Schicksalsgemeinschaft zur Gebetsgemeinschaft. Von einzelnen gesprochen, zum kollektiven Wortgeflecht verwoben. Das bleibt bestehen in der jüdischen Geschichte über die Zeiten von Zerstreuung, Zerstörung, Verfolgung, versuchter Vernichtung – wir hören auf diesen Psalm heute am 28. Januar, einen Tag nach dem Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 73 Jahren. Auch in furchtbarster Zeit hat das jüdische Volk dieses gesprochene Wortgeflecht des Vertrauens aufrechterhalten. Es ist ein gemeinsames Sprechen mit Gott – und ein öffentliches. Dafür steht auch der Kirchentag: für gemeinsames, offenes Vertrauen, für ein Tragen dieses Vertrauens auf die Straße und in die Gesellschaft, letztes Jahr hier, nächstes Jahr in Dortmund. Gerade hier in Potsdam und an vielen Orten habe ich nach dem Kirchentag immer wieder gehört: besonders schön ist es, zu sehen, dass wir nicht allein sind als Christinnen und Christen. Nein, wir sind nicht allein, schon gar nicht mit Psalm 23 auf den Lippen.

 

Auf den Lippen. Und im Herzen? Kommen sie uns da nicht doch naiv vor, die Worte? – Was hat der Psalm zu bieten, außer ein paar Behauptungen, dass der Herr da sein wird. Wo soll das Vertrauen herkommen? Die grüne Aue, das frische Wasser – behauptet gegen das finstere Tal. Naiv? Der 23. Psalm ist oft als Ausdruck allzu naiven Glaubens zur Seite geschoben worden. Dabei ist der Psalm vielleicht alles Mögliche, aber nicht naiv. – Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang. Werden mir folgen. Wörtlich im Urtext heißt es sogar: werden mich verfolgen, mir hinterherjagen. Und werde auch ich hinterherjagen. Gutes und Barmherzigkeit werden wir jagen und wollen wir jagen, nichts anderes. Wissend, dass es nicht immer da ist, das Gute. Gott folgt uns. Sammelt uns auf. Das ist nicht naiv. Das ist das, was wir erfahren. Auf dem Weg in die MRT-Röhre. Am ersten Tag nach dem Umzug in der neuen Wohnung nach der Trennung. Auf dem Weg vom eigenen Haus ins betreute Wohnstift. Auf dem Weg in den Frühling. Auf der Suche nach Gemeinschaft. Und dem Erleben, wie sie kaputtgemacht wird, wenn andere anderes jagen. Gott sammelt uns, sammelt uns auf, nimmt uns mit in sein Haus, auch wo wir uns ortlos, verloren vorkommen. Und dann ist da ein Pfleger oder Arzt, der ein offenes Wort mit uns spricht, nach der Röhre. Und in ihm ist zu spüren, wie Gott eine neue Weide zeigt. Und da ist eine kleine Whatsapp an den in der neuen Wohnung, Brot und Salz als Emojis gesendet – Du wirst nicht allein sein, auch da nicht. Und da sind wieder Fünfzig- oder Sechzig- oder Siebzigtausend oder noch mehr, die ziehen mit Dir nach Dortmund und jagen der Weide Gottes aus Recht und Barmherzigkeit hinterher. Und noch mehr, die murmeln oder sprechen es an so vielen Orten, Vertrauen performed: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Nein, das ist nicht naiv. Es vertraut auf die Erfahrung: Gott wird folgen, Gott sammelt uns auf und sammelt uns zusammen. Was für ein Vertrauen.

 

Psalm 23 – der Vertrauenspsalm. So kann man es in Schulbüchern, Konfirmandenheften, Kinderbibeln als Überschrift lesen. Der Vertrauenspsalm. Weil es so gut ist, wenn er einem ein Leben lang folgt, lernen wir ihn meist schon früh. Können ihn auswendig vor uns hinmurmeln. Und wenn wir ihn so murmeln, mir geht es so, ergibt er innerlich eine kleine eigene Wortweide, eine innere Himmelswiese. Klingt groß, gebe ich zu. Gefällt mir aber doch als Bild. Mit dieser inneren Himmelsweide oder Gotteshauswiese aus Worten kann man manches überstehen, ja nicht nur überstehen, gestalten. Wartezeiten beim Arzt. Jahrzehnte gesellschaftlichen Wandels. Predigten über Worte, die für sich sprechen. Bahnfahrten zum Kirchentag. Von Potsdam nach Dortmund braucht man mit dem Zug etwa vier, mit dem Bus vermutlich fünf Stunden. Da kann man viel lesen und quatschen. Und ab und zu aus dem Fenster schauen, die Weiden draußen vorbeiziehend, den ständigen modernen Weidewechsel im Kopf, den Psalm auf den Lippen. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. In Dortmund, da bin ich mir sicher, wird einem dann die Wartezeit in den Hallen noch ganz anders vertrieben. Mit vielen neuen Liedern. Wir nehmen jetzt ein fast schon altes Kirchentagslied, einen Kirchentagsschlager, der die Botschaft so intoniert: Fürchte dich nicht. – Fürchte dich nicht? Ja, murmeln wir das, auf dass es unüberhörbar ist, hier in Potsdam, dort in Cottbus. Der Herr ist dein Hirte. Barmherzigkeit folgt. Immerdar. Immerdar. Immerdar. Immerdar. Fürchte kein Unglück. Fürchte nicht Wandel und Wechsel. Fürchte dich nicht. Amen.